{"id":3034,"date":"2025-11-09T12:33:19","date_gmt":"2025-11-09T12:33:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.martinajkohl.com\/?p=3034"},"modified":"2025-11-09T12:33:53","modified_gmt":"2025-11-09T12:33:53","slug":"hoffnung-ist-das-ding-mit-federn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.martinajkohl.com\/de\/blog\/hoffnung-ist-das-ding-mit-federn\/","title":{"rendered":"\u201cHoffnung ist das Ding mit Federn\u201d"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeden Herbst schaue ich mit Wehmut zum Himmel, wenn ich die Rufe der Kraniche hoch \u00fcber unserem Haus h\u00f6re, die sich sammeln und Richtung S\u00fcden in ihr Winterquartier ziehen. Ich rufe ihnen staunend hinterher: \u201cKommt gut an, und kommt vor allem wieder!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcnf Monate sp\u00e4ter werden sie uns bei ihrer R\u00fcckkehr den lang ersehnten Fr\u00fchling ank\u00fcndigen. Ich werde zu ihnen hinauf schauen und sie freudig und dankbar willkommen hei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch in diesem Jahr werden es viele der Zugv\u00f6gel gar nicht erst schaffen, sich auf den seit mindestens 50.000 Jahren vorgezeichneten Weg zu machen. Sie sind von der Vogelgrippe so geschw\u00e4cht, dass sie die Schwerkraft der Erde nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen. Einige fallen einfach vom Himmel. Schlimmer noch, viele, die es doch schaffen, werden das Virus weiter verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier sind es die V\u00f6gel, die vom Himmel fallen, diese majest\u00e4tischen, schwerelosen, organisierten Tiere, die sich zurufen, sich formieren und ihrem Navigationsinstinkt folgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anderswo sind es die Drohnen, die sich formieren und \u00fcberwachen, die Bomben, die fallen und das Virus der Zerst\u00f6rung verbreiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man m\u00f6chte mutlos werden. W\u00e4re da nicht die Hoffnung, dass die Tiere resistent werden, ein br\u00fcchiger Waffenstillstand das Sterben stoppt, Menschen ihre Stimme finden und den Mut, sich gegen Krieg und Diktatur zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDie Hoffnung stirbt zuletzt,\u201d sagt man. Das m\u00f6chte ich nie erleben m\u00fcssen. \u201eHope is a weapon,\u201d (\u201eHoffnung ist eine Waffe\u201c) sagt der Dichter und Aktivist Robert Arnold aus Arkansas, dessen Video mir der YouTube Algorithmus vorschl\u00e4gt. Die gro\u00dfe amerikanische Dichterin Emily Dickinson dagegen schrieb \u201cHope is the thing with feathers\u2026\u201d (\u201eHoffnung ist das Ding mit Federn\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So scheint die Hoffnung stark und zutiefst menschlich zu sein, z\u00e4h und gleichzeitig doch so fragil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um meiner eigenen zunehmenden und in Wellen kommenden Mut- und Hoffnungslosigkeit zu begegnen, weil der Mensch nicht zu lernen scheint und weiterhin Scharlatanen folgt, weil der \u201cSilent Spring\u201d, der stumme Fr\u00fchling, den Rachel Carson vor 62 Jahren in ihrem gleichnamigen Buch beschrieben hat, doch noch Realit\u00e4t werden k\u00f6nnte mit einem Fr\u00fchling ohne Vogelgezwitscher, suche ich nach dem Rezept, wie man die Hoffnung n\u00e4hrt, jeden Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die American Psychological Association beschreibt Hoffnung als eine erlernbare F\u00e4higkeit, da sie im Gegensatz zum Optimismus handlungsorientiert ist. Dr. Chan Hellman, Professor f\u00fcr Psychologie und Gr\u00fcndungsdirektor des Hope Research Center an der University of Oklahoma, sagt: \u201eWir verwenden das Wort \u201aHoffnung\u2018 oft anstelle von W\u00fcnschen, so wie man hofft, dass es heute regnet oder dass es jemandem gut geht . . . W\u00fcnsche sind jedoch passiv und beziehen sich auf ein Ziel, w\u00e4hrend Hoffnung darauf abzielt, aktiv darauf hinzuarbeiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a>Eine, die \u201caktives Hoffen\u201d praktiziert, ist Iryna Drobovych, Mitbegr\u00fcnderin der Stiftung&nbsp; \u201cThe Day After\u201d in der Ukraine.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eThe Day After\u201c ist eine ukrainische Non-Profit-Organisation, die die F\u00fchrungsrolle von Frauen und ihre konstruktive Beteiligung an der St\u00e4rkung der nationalen Einheit und der Vorbereitung auf den Aufbau eines gerechten und nachhaltigen Friedens nach dem Krieg in der Ukraine f\u00f6rdert. Iryna ist nationale Beraterin f\u00fcr weibliche F\u00fchrungspositionen, politische Partizipation und inklusiven Wiederaufbau bei UN Women Ukraine. Zuvor war sie CEO und Strategiedirektorin beim Ukrainischen Frauenkongress (2019\u20132023), Beraterin f\u00fcr Regierungsbeziehungen beim Kyiv Security Forum und der Open Ukraine Foundation (2016\u20132019) und Assistentin der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des ukrainischen Premierministers (2014\u20132016).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lernte Iryna im September bei der Salzburg Global American Studies Tagung kennen. Ihre Offenheit und Begeisterung f\u00fcr die Arbeit, die sie und ihre Kolleginnen in Kriegszeiten leisten, beeindruckten mich sehr. Ich sagte ihr damals, dass ich sie gern zum Thema \u201eHoffnung\u201c interviewen w\u00fcrde. \u201eHoffnung ist Mut, vergiss das nicht\u201c, antwortete sie, und \u201eWir k\u00e4mpfen, damit ihr es nicht m\u00fcsst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich musste \u00fcber diese S\u00e4tze eine Weile nachdenken, besonders weil wir uns so oft \u00fcber Kleinigkeiten im Alltag beklagen. Und doch genie\u00dfen wir die Normalit\u00e4t von Dingen wie beheizten Wohnungen, jederzeit verf\u00fcgbarem Strom, Abendessen in unserer Lieblingspizzeria, einem sicheren Einkommen oder zumindest einem sozialen Netz, das unsere Grundbed\u00fcrfnisse deckt, und sicheren Sonntagsspazierg\u00e4ngen mit der Familie. Nachdem ich wochenlang \u00fcber das Thema gegr\u00fcbelt hatte, kontaktierte ich Iryna und bat sie um ein schriftliches Interview.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>MK: &nbsp;Iryna, dein kleiner Sohn hat seinen ersten Schultag in einem Luftschutzraum verbracht. Wie war das f\u00fcr ihn? Mit welchem Gef\u00fchl hast du ihn dorthin gebracht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Iryna<\/strong>:&nbsp; Tats\u00e4chlich begannen ukrainische Kinder ihr Schuljahr in Schutzr\u00e4umen, und mein Sohn Darii war einer von ihnen. Das ist die Realit\u00e4t, die wir alle hier seit \u00fcber drei Jahren erleben, seit Russland am 24. Februar 2022 den Gro\u00dfangriff auf die Ukraine begann. In diesen Jahren hat sich das ukrainische Bildungssystem an diese schwierige Sicherheitslage angepasst \u2013 alle Schulen haben Schutzr\u00e4ume eingerichtet und f\u00fchren den Unterricht fort, falls tags\u00fcber Alarm ausgel\u00f6st wird. In den Frontregionen mit fast ununterbrochenen Sicherheitswarnungen arbeiten die Schulen bereits in Schutzr\u00e4umen oder sogar in unterirdischen Anlagen in den Gro\u00dfst\u00e4dten, um den Kindern sichere Bedingungen zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits 2022 erkl\u00e4rte ich meinem Sohn ausf\u00fchrlich, wie er sich bei einem Luftalarm verhalten soll. Erstaunlicherweise erwies sich dieses Wissen sogar in Minneapolis als n\u00fctzlich, wo ich 2023\/24 im Rahmen eines Humphrey-Stipendiums ein Jahr verbrachte und mein Sohn mich begleitete. Jeden ersten Dienstag im Monat findet dort eine Tornado\u00fcbung mit Luftalarm statt, um die Bev\u00f6lkerung \u00fcber das richtige Verhalten im Notfall zu informieren. Der Alarmton ist derselbe wie in der Ukraine. Nachdem mein damals f\u00fcnfj\u00e4hriger Sohn diesen Ton in Minneapolis geh\u00f6rt hatte, fragte er mich nach Schutzr\u00e4umen und dr\u00e4ngte mich, dorthin zu gehen. In diesem Moment wurde mir klar, dass er Gefahren gut versteht und wei\u00df, wie er reagieren muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So bin ich beruhigt, wenn ich meinen Sohn hier in Kiew zur Schule bringe. Lehrerinnen und Lehrer und die Schulleitung halten sich strikt an die Sicherheitsvorkehrungen und haben den Schutzraum so eingerichtet, dass die Kinder sich die Zeit vertreiben k\u00f6nnen, bis die Sicherheitslage sich entspannt hat. Hier in der Ukraine gibt es oft Stromausf\u00e4lle, und der Schutzraum verf\u00fcgt auch \u00fcber Notbeleuchtung. Darii spielt in den Pausen mit seinen Freunden und befolgt die Anweisungen der Lehrer und Lehrerinnen im Unterricht, sogar im Schutzraum. Der Krieg hat den ukrainischen Kindern viel genommen, aber wir als Eltern und Betreuer versuchen unser Bestes, ihnen eine freudvolle und gl\u00fcckliche Kindheit zu erm\u00f6glichen \u2013 zu ihrem eigenen Wohl und trotz aller Herausforderungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>MK: &nbsp;Die von dir mitbegr\u00fcndete Stiftung \u201cThe Day After\u201d ist, wie der Name schon sagt, zukunftsorientiert. Sie will den Weg ebnen f\u00fcr eine friedliche, gerechte und geeinte Ukraine und fokussiert sich dabei auf Frauen, die diesen Weg begleiten und gestalten. Erz\u00e4hl uns, wie deine Arbeit aussieht.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Iryna:&nbsp; <\/strong>Die Stiftung \u201eThe Day After\u201c ist eine ukrainische gemeinn\u00fctzige Organisation, die im Herbst 2024 in Kiew gegr\u00fcndet wurde. Die Idee zur Gr\u00fcndung einer solchen Stiftung kam mir w\u00e4hrend meines Gastaufenthalts am United States Institute of Peace im Fr\u00fchjahr 2024. Ich freue mich \u00fcber die Unterst\u00fctzung meiner Kolleginnen und Kollegen. Unser Hauptziel ist es, ukrainische Frauen darauf vorzubereiten, sich aktiv an allen Entscheidungsprozessen zum Aufbau eines gerechten und nachhaltigen Friedens nach dem Krieg in der Ukraine zu beteiligen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um dieses Ziel zu erreichen, organisieren wir Studienreisen f\u00fcr ukrainische Aktivistinnen in L\u00e4nder, die von schweren Konflikten und Massenverbrechen betroffen waren. W\u00e4hrend dieser Reisen kn\u00fcpfen wir Kontakte zu den dortigen Frauenorganisationen. Wir tauschen Erfahrungen aus und erweitern unser Wissen \u00fcber die Bew\u00e4ltigung von Konflikten. Im Jahr 2024 f\u00fchrten wir Studienreisen in vier L\u00e4nder durch: Ruanda, S\u00fcdafrika, Bosnien und Herzegowina und sp\u00e4ter  Kosovo. Wir lernten viel \u00fcber nachhaltige, basisnahe Frauennetzwerke, die Unterst\u00fctzung gef\u00e4hrdeter Gruppen, darunter \u00dcberlebende von konfliktbedingter sexueller Gewalt, psychologische Betreuung und Traumatherapie, die Entwicklung von Gemeinschaften nach Kriegen und die politische Teilhabe von Frauen in Nachkriegsgesellschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir haben dieses Wissen auf den ukrainischen Kontext angewendet und ein Schulungshandbuch zu Friedensf\u00f6rderung und Friedensprozessen entwickelt. 2024 f\u00fchrten wir entsprechende Schulungen f\u00fcr rund 100 ukrainische Aktivistinnen aus verschiedenen Regionen durch. 2025 setzen wir unsere Bildungsarbeit f\u00fcr Frauen an der Basis in sechs ukrainischen Frontregionen fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dar\u00fcber hinaus setzen wir uns national und international f\u00fcr die sinnvolle Teilhabe von Frauen an allen Entscheidungsprozessen ein, sowohl in Kriegszeiten als auch beim Wiederaufbau nach Kriegen. Wir erarbeiten politische Empfehlungen. Zuletzt informierten wir die nationalen Beh\u00f6rden \u00fcber die Unterst\u00fctzung von Frauenorganisationen bei der Friedensvorbereitung. Dies geschah im Rahmen der nationalen Konsultationen der Regierungsbeauftragten f\u00fcr die Gleichstellung der Geschlechter und des nationalen Dialogs zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 \u201eFrauen. Frieden. Sicherheit\u201c, der vom Ministerium f\u00fcr Sozialpolitik, Familie und Einheit der Ukraine initiiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a><strong>MK: Was hat dich motiviert, mit diesen traumatisierten Frauen gemeinsam an einer Zukunftsvision zu arbeiten?<\/strong><\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Iryna:&nbsp; <\/strong>Alle in der Ukraine sind traumatisiert von diesem zerm\u00fcrbenden, existenziellen Krieg, der das Leben der Menschen in der Ukraine in verschiedenen Regionen dramatisch ver\u00e4ndert hat. Viele von uns wissen nun, wie eine Explosion am Himmel aussieht und klingt. Einige von uns haben Todesangst erlebt, und wir alle wissen, dass es in der Ukraine keinen sicheren Ort gibt, weder an der Front noch im Hinterland.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frauen in der Ukraine beweisen in diesem gro\u00df angelegten Krieg au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00fchrungsqualit\u00e4ten und spielen eine wichtige Rolle. Derzeit dienen 75.000 Frauen in den ukrainischen Streitkr\u00e4ften, davon sind rund 5.000 an den Kampfhandlungen im Einsatz. Mehr als die H\u00e4lfte der w\u00e4hrend des Krieges neu gegr\u00fcndeten Unternehmen werden von Frauen gef\u00fchrt und st\u00e4rken so die ukrainische Kriegswirtschaft. Frauen ergreifen Berufe, die traditionell als M\u00e4nnerdom\u00e4nen galten, wie beispielsweise Bergarbeiterinnen, Elektrikerinnen, Busfahrerinnen und Lkw-Fahrerinnen. Sie engagieren sich f\u00fcr die Wiedereingliederung von Veteranen in die Gesellschaft, unterst\u00fctzen abgelegene Gemeinden mit mobilen medizinischen und psychologischen Diensten, r\u00e4umen befreite Gebiete von Minen und f\u00fchren neue Technologien in der Landwirtschaft ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch werden die F\u00fchrungsrollen von Frauen sowohl in ihren Gemeinden als auch landesweit weiterhin unterbewertet und oft nicht anerkannt. Dies f\u00fchrt letztlich dazu, dass Frauen nicht in Entscheidungsprozesse zur Erholung des Landes und zur Friedensvorbereitung einbezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Stiftung \u201eDer Tag danach\u201c m\u00f6chten wir diesem besorgniserregenden Trend entgegenwirken. In unseren Workshops und Schulungen f\u00fcr ukrainische Frauen er\u00f6rtern wir transformative F\u00fchrung und die Rollen, die sie aufgrund ihrer Kriegserfahrung, ihres Wissens und ihrer F\u00e4higkeiten \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, um einen gerechten und nachhaltigen Frieden zu sichern, der unser Land eines Tages erleben wird. Wir betonen auch die Bedeutung des sozialen Zusammenhalts und der St\u00e4rkung der nationalen Einheit nach dem Krieg. Wie aktuelle Umfragen best\u00e4tigen, sind heute bis zu 70 % der Ukrainerinnen und Ukrainer im Kampf gegen den Feind vereint, gleichzeitig empfinden jedoch bis zu 11 % von uns die Last des Krieges als ungerecht. Rund 20 % beklagen einen Mangel an Vertrauen in ihren Gemeinden. Diese Entwicklungen k\u00f6nnten sich dramatisch ver\u00e4ndern, sobald der Aggressor diesen Krieg beendet und f\u00fcr seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestraft wird. Unser Ziel in der Stiftung ist es, Frauen in verschiedenen Regionen wirksame Instrumente an die Hand zu geben, um den sozialen Zusammenhalt zu f\u00f6rdern und ihre Gemeinden f\u00fcr den Wiederaufbau nach dem Krieg zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>MK: Wie n\u00e4hrst du pers\u00f6nlich die Hoffnung auf eine friedvolle Zukunft nach allem, was du an Zerst\u00f6rung und Leid tagt\u00e4glich erlebst? Wie nimmst du deinem Sohn die Angst und vermittelst ihm, dass das Leben sicher und unbeschwert sein kann, dass auch er auf eine bessere Zukunft hoffen kann?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Iryna<\/strong>:&nbsp; In meiner Arbeit mit ukrainischen Frauen, die sich in den Gemeinden engagieren, &nbsp;erlebe ich oft schwierige Momente. Besonders dann, wenn wir \u00fcber den Frieden sprechen, der irgendwann kommen wird. Es ist in der Tat sehr schwer, diese Perspektive zu bewahren, w\u00e4hrend jeden Tag Menschen sterben, wenn \u201eSupermenschen\u201c \u2013 jene, die im Krieg Arme oder Beine verloren haben und nun Prothesen tragen \u2013 mit uns Fu\u00dfg\u00e4ngern auf den Stra\u00dfen unterwegs sind, wenn Jugendliche die Tr\u00fcmmer ihres k\u00fcrzlich zerst\u00f6rten Hauses wegr\u00e4umen oder wenn eine Frau, die gerade ihren im Krieg gefallenen geliebten Mann beerdigt hat, ihr Kind zur Welt bringt. Diese Gespr\u00e4che sind sehr frustrierend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Rahmen der Arbeit der Stiftung \u201eThe Day After\u201c habe ich jedoch zahlreiche bew\u00e4hrte Praktiken aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengetragen, die mir helfen, diesen Frauen den Frieden Schritt f\u00fcr Schritt zu erkl\u00e4ren. Dadurch m\u00f6chte ich ihnen verdeutlichen, dass es nie zu fr\u00fch ist, sich auf den Frieden vorzubereiten, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Wenn ich sehe, wie diese Erz\u00e4hlung die Frauen, mit denen ich arbeite, ver\u00e4ndert, wie sie ihre qu\u00e4lenden Gedanken lindert und sie dazu bef\u00e4higt, sich aktiv in ihren Gemeinschaften zu engagieren, erf\u00fcllt mich das mit Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von jedem Einsatz kehre ich voller Optimismus zur\u00fcck. An meinen freien Tagen, die wir immer zusammen verbringen, teile ich dieses Gef\u00fchl mit meinem Sohn. Dann genie\u00dfen wir ganz allt\u00e4gliche Dinge \u2013 lange Spazierg\u00e4nge am Flussufer, Vanilleeis, Filmabende oder Umarmungen vor dem Schlafengehen. Diese kleinen Momente, die in friedlichen Zeiten oft unbemerkt bleiben, werden zu einer echten St\u00fctze in Zeiten, in denen der Krieg das Leben unsicher, unberechenbar und zerbrechlich gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>MK: Die American Psychological Association r\u00e4t, dass man sich kleinere Ziele, die machbar erscheinen, setzen solle. Sie betont, wie wichtig es ist, Teil einer Gemeinschaft zu werden und sich Gleichgesinnten anzuschie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was k\u00f6nnen wir von dir und deinen Kolleginnen und Kollegen lernen? Wie k\u00f6nnen wir deine Arbeit unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade in Zeiten der tiefgreifenden Umbr\u00fcche, die der Krieg mit sich brachte, ist eine Gemeinschaft Gleichgesinnter von unsch\u00e4tzbarem Wert. Unsere Stiftung hat in diesem Jahr eine Gemeinschaft von rund 65 ukrainischen Frauen mittleren Alters aufgebaut, die in verschiedenen Regionen leben, in unterschiedlichen Bereichen arbeiten und verschiedene Kriegserfahrungen gemacht haben. Was sie jedoch eint, ist ihr gro\u00dfer Wunsch, die Ukraine nach dem Krieg zu einem besseren Ort zum Leben zu machen. Wir unterst\u00fctzen sie auf diesem Weg durch Vernetzung und Gespr\u00e4che mit Friedensfachkr\u00e4ften aus aller Welt. Wir schaffen unseren Friedenskreis \u2013 einen gesch\u00fctzten Raum f\u00fcr den Austausch von Ideen, wo wir komplexe Fragen stellen und praxisorientiertes Handeln lernen k\u00f6nnen, um uns auf einen weiteren langen Weg des Wiederaufbaus nach dem Krieg vorzubereiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beste Unterst\u00fctzung f\u00fcr uns ist die M\u00f6glichkeit, sichtbar zu sein und unsere Stimme zu erheben. Jede Plattform \u2013 ob politisch, kulturell, gemeinschaftlich oder in kleinen Interessengruppen \u2013, auf der die Stimmen ukrainischer Frauen geh\u00f6rt und die Wahrheit \u00fcber diesen Krieg ausgesprochen werden kann, ist f\u00fcr uns wichtig. Jede Idee, Erfahrungen mit anderen in der Ukraine auszutauschen, die wie wir Konflikte und Kriege erlebt haben oder erleben, tr\u00e4gt dazu bei, dass unsere gemeinsamen Stimmen weltweit besser geh\u00f6rt werden. Und jedes Projekt, das Frauen eine sinnvolle Teilhabe am Wiederaufbau nach dem Krieg erm\u00f6glicht, wird unser Leben in der Ukraine mit Sicherheit verbessern und gl\u00fccklicher gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vielen Dank, Iryna, dass Du Dir die Zeit genommen hast, Deine Gedanken mit uns zu teilen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">_____________________<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ergreifend, dieser mutigen jungen Frau zuzuh\u00f6ren, die es schafft, den traumatisierten Frauen, mit denen sie arbeitet, Hoffnung zu geben und die sich eine sichere und gl\u00fcckliche Zukunft f\u00fcr ihr Land und ihren Sohn vorstellt. F\u00fcr mich ist sie ein Lichtblick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir genauer hinsehen, sind sie \u00fcberall um uns herum, diese Lichtblicke, wie zum Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die 76,1 Prozent der k\u00fcrzlich befragten Deutschen, die rechtsextreme Positionen ablehnen;<\/li>\n\n\n\n<li>die Bundesrichterin in Chicago, die die Administration blo\u00dfstellt, indem sie Carl Sandburgs Gedicht \u201eChicago\u201c zitiert, um die Vitalit\u00e4t, Diversit\u00e4t und Widerstandsf\u00e4higkeit der \u201eCity of the Big Shoulders\u201c zu veranschaulichen, die Gewalt gegen Immigrantinnen und Immigranten von staatlicher Stelle anprangert;<\/li>\n\n\n\n<li>der designierte junge B\u00fcrgermeister von New York City, der es trotz aller Widerst\u00e4nde und Anschuldigungen, ein Kommunist, Sozialist, Terrorist, Generalissimo . . . &nbsp;zu sein, geschafft hat, die New Yorker zu motivieren, zur Wahl zu gehen und f\u00fcr Ver\u00e4nderung zu stimmen;<\/li>\n\n\n\n<li>die jungen Menschen, die in beispielloser Zahl in Serbien, Kenia, Peru, Marokko und S\u00fcdkorea gegen Korruption und Autoritarismus protestieren und von einer gerechteren Welt tr\u00e4umen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">All diese Menschen glauben an die Hoffnung, jenes m\u00e4chtige und zugleich zerbrechliche Gef\u00fchl, das Emily Dickinson so treffend als \u201edas Ding mit Federn\u201c beschreibt.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen wir sie gemeinsam fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">_____________________<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quellen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Max-Planck Gesellschaft. &nbsp;\u201eV\u00f6gel ziehen bei jedem Klima. Zugv\u00f6gel gab es schon w\u00e4hrend der letzten Eiszeit\u201c&nbsp; (18 Februar 2020). <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/14473814\/vogelzug-klima\">https:\/\/www.mpg.de\/14473814\/vogelzug-klima<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Original study:\u00a0 Marius Somveille, Martin Wikelski, Robert M. Beyer, Ana S. L. Rodrigues, Andrea Manica, Walter Jetz. \u201eSimulation-based reconstruction of global bird migration over the past 50,000 years.\u201c\u00a0 Nature Communications (18 February 2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robert Arnold, \u201cHope is a weapon\u201d (accessed 26 Oct. 2025; posted seven months prior)<br><a href=\"https:\/\/youtu.be\/4CX5xdwkbHg?si=NjgFIzLnhKqlQ-cJ\">https:\/\/youtu.be\/4CX5xdwkbHg?si=NjgFIzLnhKqlQ-cJ<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Emily Dickinson.&nbsp; \u201eHope is the thing with feathers.\u201c&nbsp; Poetry Foundation.<br>https:\/\/www.poetryfoundation.org\/poems\/42889\/hope-is-the-thing-with-feathers-314<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Originally titled &#8220;&#8216;Hope&#8217; is the thing with feathers &#8211; (314)&#8221;<br>Copyright Credit:\u00a0 Emily Dickinson, &#8220;&#8216;Hope&#8217; is the Thing with Feathers&#8221; from The Complete Poems of Emily Dickinson, edited by Thomas H. Johnson, ed., Cambridge, Mass.: The Belknap Press of Harvard University press, Copyright \u00a9 1951, 1955, 1979, 1983 by the President and Fellows of Harvard College<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ashley Abramson.&nbsp; \u201cHope as the antidote.&nbsp; Hope may be the antidote to today\u2019s chaotic world. Here\u2019s how to cultivate it.\u201d&nbsp; American Psychological Association.&nbsp; Vol. 55 No. 1 (created 1 January 2024).<br><a href=\"https:\/\/www.apa.org\/monitor\/2024\/01\/trends-hope-greater-meaning-life\">https:\/\/www.apa.org\/monitor\/2024\/01\/trends-hope-greater-meaning-life<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rachel Carson.\u00a0 Silent Spring.\u00a0 Houghton Mifflin:\u00a0 27 Sept. 1962<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Silent_Spring\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Silent_Spring<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_stumme_Fr\u00fchling\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_stumme_Fr\u00fchling<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.fes.de\/presse\/aktuelle-pressehinweise\/mitte-studie-2024-25-mehrheit-ist-besorgt-wegen-zunehmendem-rechtsextremismus\">https:\/\/www.fes.de\/presse\/aktuelle-pressehinweise\/mitte-studie-2024-25-mehrheit-ist-besorgt-wegen-zunehmendem-rechtsextremismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Carl Sandburg. \u00a0\u201eChicago.\u201c  Poetry Foundation \u00a0<a href=\"https:\/\/www.poetryfoundation.org\/poetrymagazine\/poems\/12840\/chicago\">https:\/\/www.poetryfoundation.org\/poetrymagazine\/poems\/12840\/chicago<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Will Mortenson,&nbsp; \u201cGen Z protests have spread to seven countries. What do they all have in common?\u201d&nbsp; <a href=\"https:\/\/www.atlanticcouncil.org\/content-type\/new-atlanticist\/\">New Atlanticist<\/a> (November 6, 2025)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal m\u00fcssen wir uns daran erinnern, dass es Grund zur Hoffnung gibt. Wir werden mit negativen Nachrichten \u00fcberschwemmt, doch es gibt Lichtblicke, wenn wir uns erlauben, danach zu suchen.<br \/>\nEiner davon ist die Stiftung \u201eThe Day After\u201c in der Ukraine. Mitbegr\u00fcnderin Iryna Drobovych hat den Mut, sich inmitten des Krieges Frieden vorzustellen. Sie und ihre Kolleginnen ermutigen Frauen, sich auf die Zeit des Wiederaufbaus vorzubereiten und F\u00fchrungsrollen zu \u00fcbernehmen. 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