Wir wissen, wie man die Demokratie schützt. Aber warum tun wir es nicht effektiver?

„… wo immer die Bevölkerung gut informiert ist, kann man ihr die Regierung anvertrauen“, Thomas Jefferson (Paris, 8. Januar 1789).

„Neighboring“ ist ein neues Verb, das Thomas Friedman kürzlich in einem Meinungsbeitrag der New York Times diskutierte. Friedman hatte kurz zuvor seine Heimatstadt Minneapolis besucht und darüber berichtet, wie die Gemeinde zusammenhielt, um sich gegen die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE gegen ihre Nachbarn mit Migrationshintergrund und sogar gegen in Amerika geborene Nachbarn zu wehren.

Die Menschen in Minnesotas brachten Kinder zur Schule oder erledigten Einkäufe für völlig Fremde, die sich aufgrund ihres Aufenthaltsstatus nicht aus dem Haus trauten. Friedman zitiert den ehemaligen Stadtrat Don Samuels: „Das war Minnesota, das zusammenhielt – nicht nur nett war, sondern gut, mutig und geeint. … In dieser Krise entstand etwas, das unter normalen Umständen niemals hätte entstehen können. Fremdheit wurde durch Verbundenheit zwischen den Einwohnern von Minneapolis ersetzt, unabhängig von ihrer Hautfarbe.“

Friedman beschreibt Bürgerbeteiligung oder gelebte Demokratie, eine Gemeinschaft, die zusammenkommt, um ihre schwächsten Mitglieder zu schützen. Doch warum braucht es eine Bedrohung von außen, wie maskierte ICE-Beamte oder gar einen Krieg, um eine vielfältige und sich demografisch wandelnde Bürgerschaft zusammenzubringen? Was ist, wenn die Bedrohung diffus und nicht so „direkt“ wäre?

Unsere demokratischen Systeme sind zahlreichen Bedrohungen von innen ausgesetzt. Extremisten von rechts und links stellen unsere demokratischen Regierungsformen offen infrage. Europaweit und in den USA erleben wir einen Rechtsruck in Gesellschaft und Politik. Angesichts globaler wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Herausforderungen werden einfache Lösungen angeboten. Eine vage Sehnsucht nach einer mythischen „besseren Vergangenheit“ schürt antifeministische und fremdenfeindliche Ressentiments. Der Preis dafür, diese extremen Stimmen in  die Machtpositionen zu wählen, ist die Aushöhlung der rechtlichen Grundpfeiler unserer Demokratien, wie etwa der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit der Staatsorgane. Man muss sich nur ansehen, was in den USA geschieht.

Wie können wir uns und unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu bewegen, aufzustehen, bevor es zu spät ist, und uns dem alltäglichen Rassismus und der Ungerechtigkeit entgegenzustellen, egal aus welcher politischen Richtung sie genährt werden?

Politische Bildung ist wichtig – aber nicht ausreichend

Deutschland wird für seine Erinnerungskultur gelobt. Zahlreiche Projekte beleuchten die Schrecken der NS-Vergangenheit und die Auswirkungen autoritärer Regime auf die Gesellschaft. Politische Bildung ist in allen 16 Bundesländern verpflichtend und soll Schülerinnen und Schülern das Wissen und die Fähigkeiten vermitteln, sich zu aktiven und informierten Bürgerinnen und Bürgern zu entwickeln.

Schulen und Universitäten werden von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt. Die 1952 als Bundeszentrale für Heimatschutz gegründete und 1963 umbenannte Zentrale hatte sich zum Ziel gesetzt, die damals noch junge deutsche Demokratie durch überparteiliche, wissenschaftlich fundierte und unabhängige Programme und Publikationen zu stärken, die allen Deutschen kostenlos zur Verfügung stehen. Seitdem sind viele Generationen mit den kurzen, aber hervorragenden Broschüren „Informationen zur politischen Bildung“ aufgewachsen, die von der Funktionsweise einer parlamentarischen Demokratie über den europäischen Einigungsprozess bis hin zu außenpolitischen Fragen alles abdecken. Doch so wertvoll und wichtig all diese Bemühungen von Bund und Ländern in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft auch sind, sie scheinen nicht auszureichen.

Eine Herausforderung könnte darin bestehen, dass unsere Sprache über Demokratie und demokratische Werte zu abstrakt ist. Auch müssen wir anerkennen, dass gelebte Demokratie ein langwieriger Prozess sein kann und sich in einer schnelllebigen Welt zu langsam verändert. Und doch sagte Winston Churchill: „Niemand behauptet, Demokratie sei perfekt oder allwissend. Man sagt sogar, Demokratie sei die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen, die man im Laufe der Zeit ausprobiert hat …“ (Winston Churchill, 11. November 1947).

Den Jungen zuhören und die Demokratie mit Leben füllen

Demokratische Ideale mit Leben zu füllen, muss bei den Jungen beginnen, ist aber eine lebenslange Aufgabe für uns alle. Bildung ist ein Menschenrecht und das beste Mittel, um Menschen aus der Armut zu befreien. Autokratische Kräfte fürchten gebildete Bürger, die die Prinzipien von Staatsbürgerschaft, Ethik und demokratischer Teilhabe kennen.

Was wir alle brauchen, ist die Fähigkeit und Bereitschaft, kritisch zu denken und verdächtig einfache Antworten auf komplexe Fragen anhand verlässlicher Fakten zu hinterfragen. Wir müssen verstehen, was wir konkret verlieren, wenn diese Rechte infrage gestellt werden. Und wir müssen Projekte und Initiativen zur Förderung der Bürgerbeteiligung überprüfen und uns ehrlich fragen: Reicht das aus, um unsere Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, Demokratie in ihrer konkreten Form zu verstehen und zu praktizieren? Wie können wir die Menschen auch über Gedenkveranstaltungen und Wahlen hinaus einbinden?

Die Offenheit für Rechtsextremismus nimmt in allen Generationen zu, von 21,8 Prozent im Jahr 2021 auf 29,6 Prozent im Jahr 2025 (MOTRA-Studie), insbesondere aber unter jungen Menschen.

Das jährliche Schulbarometer, eine Umfrage der Bosch-Stiftung, liefert eine interessante Perspektive: Drei Viertel der Schülerinnen und Schüler zwischen 11 und 17 Jahren möchten Einfluss auf die im Unterricht behandelten Themen nehmen, doch 80 Prozent haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Anders ausgedrückt: Politische Bildung ist zwar weiterhin wichtig, doch findet gesellschaftliche Teilhabe in diesen prägenden Jahren nur selten statt. Hinzu kommen die Auswirkungen der Covid-Pandemie und die zunehmende Bedrohung durch Klimawandel und bewaffnete Konflikte weltweit. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten könnte daher einen fruchtbaren Boden für die Anziehungskraft extremistischer Ideologien auf junge Menschen bieten.

Politische Bildung sollte nicht allein den Schulen überlassen werden. Pädagoginnen und Pädagogen und die Zivilgesellschaft müssen generationenübergreifend zusammenarbeiten, um junge Menschen durch Mitsprache in gesellschaftliche Aktivitäten einzubinden.

Ein konkretes Beispiel für langfristiges bürgerschaftliches Engagement ist der 18. März, der in diesem Jahr erstmals bundesweit als „Tag der Demokratiegeschichte“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Steinmeier begangen wurde. Eine vom Bund geförderte Stiftung arbeitet mit der Zivilgesellschaft zusammen, um alle Altersgruppen in die Auseinandersetzung mit der Geschichte demokratischer Bewegungen einzubeziehen – von der fast vergessenen Ausrufung der Mainzer Republik 1793 über die Revolution von 1848 bis hin zu den ersten freien Wahlen in der ehemaligen DDR am selben Tag im Jahr 1990.

Der Feiertag rückt die demokratischen Traditionen Deutschlands in den Vordergrund, die oft von der Geschichte des autoritären NS-Regimes und der Diktatur in der ehemaligen DDR überschattet werden. Der 18. März als Feiertag ergänzt die Auseinandersetzung mit einem weiteren schicksalhaften Tag in der deutschen Geschichte: dem 9. November. An diesem Tag wird der Abdankung Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1918, Hitlers Putschversuch gegen die junge Weimarer Republik in München 1923 (der Hitlerputsch), der Reichspogromnacht 1938 und schließlich dem freudig gefeierten Fall der Mauer 1989 gedacht.

Der „Tag der Demokratiegeschichte“: Man könnte meinen, es sei nur ein weiteres Bildungsprojekt. Bildungsrelevant, ja, denn es ist wichtig, seine Geschichte zu kennen – mit all ihren guten und schlechten Seiten. Doch das Konzept für den 18. März beinhaltet Aktivitäten, die verdeutlichen, dass wir auf den Schultern jener Generationen stehen, die den Weg für einen starken demokratischen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg geebnet haben. Der Feiertag ermutigt uns, aktiver zu werden, indem er uns daran erinnert, dass es nun an uns ist, die Demokratie zu schützen.

Eine der Aktivitäten des Programms vom 18. März fand in Mühlhausen in Thüringen statt, einem Bundesland, in dem die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) eine Zustimmungsrate von 37 Prozent erreicht hat. Fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler arbeiteten in ihrer örtlichen Bibliothek mit der Comiczeichnerin Anne Zimmermann zusammen, um eine Graphic Novel zum Thema Demokratie zu erstellen. Anne Zimmermann hilft den Schülern, die abstrakte Ebene zu verlassen und Demokratie zu einer persönlichen Erfahrung zu machen: “Sie fragen sich konkret, was bedeutet das für mich? Nicht, was bedeutet Demokratie generell. Sondern, wo kann ich das in meinem Leben finden? Wo äußert sich das? Und dann kann ich eine Geschichte darüber erzählen.“

Eine der Schülerin, Helene Aldehon, beschäftigt sich mit den politischen Rechten von Frauen: “Ich wollte einen Wahlraum darstellen, wo Frauen das erste Mal das Recht bekamen, wählen zu gehen.“ Frieda Strude, eine andere Schülerin, erläutert ihre Beweggründe für das Projekt: “Ich finde das einfach wichtig.  Ohne Gerechtigkeit oder einen Gerechtigkeitssinn in der Bevölkerung kann man ja nichts erreichen, würde ich sagen.  Und ohne Zivilcourage und Solidarität erst recht nichts.”

Ziemlich beeindruckend, diese Fünfzehnjährigen! Beide Schülerinnen verknüpfen ein abstraktes Konzept mit dem Persönlichen. Sie entdecken, was die Einwohner Minnesotas empfanden, als sie ihre Nachbarn vor Razzien der Einwanderungsbehörde ICE schützten: Bürgerbeteiligung muss auf Empathie basieren. Empathie ist es, die der Demokratie Leben einhaucht.

Die Schüler und Schülerinnen in Mühlhausen werden ihre Arbeit mit der breiteren Öffentlichkeit teilen – und das ist entscheidend. Sie sind motiviert, weil ihr Engagement nicht auf den Unterricht oder rein akademische Belange beschränkt ist. Sie haben ein Ziel.

Was wir tun können

Die strategische und gezielte Stärkung unserer Gemeinschaften ist die Grundlage für Sicherheit und Wohlstand und entzieht dem Extremismus den Sauerstoff. Das erfordert Anstrengung. Doch diese Anstrengung ist notwendig und lohnenswert, um das Vertrauen in unsere demokratischen Gesellschaften von Grund auf wiederherzustellen.

Kreatives Potenzial ist überall um uns herum. Wir müssen generationenübergreifend, lokal und in unseren Nachbarschaften zusammenarbeiten und die vorhandenen Talente nutzen, wie beispielsweise die Künstlerin Anne Zimmermann, die ihr Können an Schülerinnen und Schüler aus ihrer Umgebung weitergibt. Sport und Kunst spielen dabei eine entscheidende Rolle, da sie Menschen in gemeinsamen Aktivitäten persönlich zusammenbringen.

Etablierte Institutionen wie Bibliotheken, Gemeindezentren und Organisationen – von Sportvereinen bis hin zu freiwilligen Feuerwehren – müssen ihre Strukturen und Angebote kritisch hinterfragen. Können wir neue Wege gehen, um jüngere Menschen zu erreichen? Wie können wir soziale Medien für die Öffentlichkeitsarbeit nutzen und gleichzeitig Raum für persönliche Begegnungen schaffen? Wie können wir die Ideen junger Menschen einbeziehen und sie an der Gestaltung von Programmen und Aktivitäten beteiligen? Auch jungen Menschen eine politische Stimme zu geben, ist einfacher als man denkt. Die Einrichtung von Jugendräten auf lokaler Ebene kann beispielsweise die Stadtpolitik mitgestalten, Gemeinschaften stärken und die demokratische Teilhabe lebendiger machen.

Also, lasst uns ein bisschen „neighboring“ betreiben.

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Quellen

https://tjrs.monticello.org/letter/118

https://www.nytimes.com/2026/03/15/opinion/columnists/minneapolis-ice-trump-neighbor.html

https://winstonchurchill.org/resources/quotes/the-worst-form-of-government

https://www.unesco.org/en/right-education/need-know?hub=70224

https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/federal-agency-for-civic-education

https://www.bundesregierung.de/breg-en/service/archive/archive/9-november-a-historically-signficant-date-479436

Bezogen auf die MOTRA Studie in https://www.praeventionstag.de/nano.cms/news/details/10668

https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer/schuelerinnen

https://www.facebook.com/stadtverwaltung.muehlhausen.de/posts/-demokratie-als-comic-jugendliche-gestalten-geschichteheute-am-bundesweiten-tag-/936069175835342

ZDF heute 18. März 2026 (Mediathek)