Es ist schwer, in diesen Tagen Optimismus zu bewahren, wenn man den Nachrichten folgt. Es scheint, als würde die Welt Kopf stehen und Dinge, auf die wir uns Jahrzehnte verlassen konnten, gefährlich wackeln. Um nur einige dieser gefährdeten Gewissheiten zu nennen: internationale Bündnisse, bundesrepublikanische Mehrheiten, ein stetiges Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland, angetrieben von einer neuen Generation, die die Teilung nicht erlebt hat.
Stetigen Fortschritt erwarten viele Frauen auch in der Frage der gleichberechtigten Teilhabe am öffentlichen, beruflichen und politischen Leben. Doch auch hier scheint die Entwicklung rückläufig.
Im neu gewählten Deutschen Bundestag sind Frauen gerade einmal zu einem knappen Drittel vertreten. Tatsächlich ist der Frauenanteil sogar gesunken: „Auch im neuen Parlament bleiben Frauen in der Minderheit. Von den 630 Abgeordneten, die in den 21. Bundestag einziehen, sind 204 Frauen. Ihr Anteil liegt bei 32,4 Prozent und ist somit 2,3 Prozentpunkte niedriger als nach der Wahl 2021 (Stand 2021: 34,8).“ (Statistik Dt. Bundestag)
Mit einer Wahlbeteiligung von 82,5 Prozent (2021: 76,4), der höchsten seit der Wiedervereinigung, hätte man sich ein besseres Ergebnis bei der Repräsentation von Frauen im Parlament gewünscht. Tatsächlich ist der Rückgang mehr oder weniger kontinuierlich seit 2013, als der bisherige Höchststand mit 36,3 Prozent erreicht war. Neben der Wahlreform haben der Wahlsieg der CDU und die Stimmengewinne bei der AfD dazu beigetragen, dass der Frauenanteil weiterhin gesunken ist.
Es ist nicht überraschend, dass der Frauenanteil in den Parteien am höchsten ist, in denen bewusst Frauen gefördert werden, nämlich bei Bündnis 90/Die Grünen mit 61,2 Prozent (2021: 58,5) und bei der Linken 56,2 Prozent (2021: 53,9). Die Zahlen für die anderen im Parlament vertretenden Parteien sind wie folgt:
– SPD 41,7 Prozent (2021: 41,8)
– CDU 22,6 Prozent (2021: 23,8)
– CSU 25 Prozent (2021: 22,2)
– AfD 11,8 Prozent (2021: 13,3).
Im internationalen Vergleich steht Deutschland auch nicht gerade gut da. Deutschland nimmt nach der Wahl von 2021 den 45. Platz (von 190) beim Frauenanteil in den Parlamenten weltweit ein und liegt damit hinter Ländern wie Ruanda (Platz 1), den Vereinigten Arabischen Emiraten (Platz 6) und Südafrika (Platz 14). Da kann es wenig trösten, dass Kanada (Platz 69) und die USA (Platz 81) noch schlechter abschneiden (Stand 2/2025).
Es stellt sich die Frage, warum Frauen grundsätzlich in öffentlichen Ämtern weniger vertreten sind. Wie das Projekt politikorange.de der Jugendpresse Deutschland unter Berufung auf die Bundeswahlleiterin vermeldet, traten „insgesamt 4.506 Wahlbewerber*innen an. Davon nur 1.422 Frauen – das sind knapp 31,6 Prozent. Noch 0,4 Prozentpunkte weniger als vor 4 Jahren zur Bundestagswahl 2021.“
Fehlende Vorbilder für junge Frauen?
Es gibt sie eigentlich, die sogenannten role models für junge Frauen, die sich erfolgreich in Beruf und Politik einbringen. Doch müssen sie viel aushalten und viele zahlen einen hohen Preis für ihr öffentliches Auftreten. Die Kritik an den Frauen ist persönlich und harsch, und das vonseiten der Frauen und Männer. Man denke an die demnächst aus dem Amt scheidende erste Außenministerin Deutschlands, Annalena Baerbock, die, um es noch einigermaßen höflich zu umschreiben, als „politisches Leichtgewicht“ bezeichnet wird. Ihre Kollegin Ricarda Lang, die von 2022 bis 2024 Co- Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen war, musste unentwegte Häme wegen ihres Gewichts ertragen. Ihr Fazit aus dieser Zeit: Sie habe versucht, “so ernsthaft, glatt und perfekt wie möglich zu sein”, habe damit aber anderen Menschen “die Deutungshoheit über sich” gegeben. Aber auch ältere Kolleginnen wie die glücklose ehemalige Verteidigungsministerin Christine Lamprecht (SPD), haben einiges auszuhalten. Ihre „Pumps im Wüstensand“ sorgten für Tsunami-Wellen in der deutschen Medienlandschaft. Politisches Führungspersonal wie Annegret Kramp-Karrenbauer, ehemalige Bundesvorsitzende der CDU und Bundesministerin der Verteidigung, oder Andrea Nahles, ehemalige SPD-Parteivorsitzende und Ministerin für Arbeit und Soziales, wurden regelrecht aus der Politik gemobbt.
Man kann zu diesen Politikerinnen politisch stehen wie man will und sicherlich haben auch sie nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, wie ihre männlichen Kollegen auch. Dennoch ist es ein Verlust für unsere Gesellschaft, wenn begabte junge Frauen aufgeben und erfahrene ihren Wissensschatz nicht mit dem politischen Nachwuchs teilen können. Zu Recht beklagt die Berliner Morgenpost den Rückzug der Jungen (von Frauen UND Männern) aus der Politik als wenig zukunftsträchtig.
Der ganz normale Frauen- und Familienalltag
Sind die Frauen in den Parlamenten unterrepräsentiert, hat das Auswirkungen auf Beschlüsse und Themen. Ihre Perspektive wird weniger berücksichtigt. Dies hat Einfluss auf unseren Alltag. Man denke nur an die nicht gelungene Dekriminalisierung des Abtreibungsrechtes, denn nach wie vor ist ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland grundsätzlich rechtswidrig. Er bleibt jedoch straffrei, wenn er in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft vorgenommen wird und sich die Frauen einer verordneten Beratung unterzogen haben. Eine eindeutige Regelung, wie sie von einer Expertenkommission im Februar 2024 vorgeschlagen wurde, ist auch in dieser Legislaturperiode nicht gelungen und unter der neuen CDU-geführten Regierung nicht zu erwarten. Dass das Thema Abtreibung potentieller Sprengstoff für das rechte Lager ist, sehen wir schon in den USA.
Noch immer beklagen viele Frauen die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Teilzeitquote bei Frauen ist mit 50 Prozent auf einem Rekordhoch (Männer 13%). 27 Prozent der Frauen haben wegen Familienbetreuung ihre Arbeitszeit reduziert, müssen sich aber häufig dafür rechtfertigen, dass sie nicht in Vollzeit arbeiten. Das ungenutzte Potential der Frauen in Zeiten von Fachkräftemangel sollte eigentlich zu einem massiven Ausbau der Kinderbetreuung und qualifizierter Erziehungsfachkräfte führen. Ganz zu schweigen von flexibleren Arbeitsmodellen.
Eine, die gleich zwei Teilzeitstellen jongliert, ist Julia, verheiratet, 35. Sie hat zwei Kinder (4 und 8) und beschreibt ihren Alltag so:
„… die Gesellschaft sollte weiter sein, was Frauen betrifft. . . . das moderne Frauenbild (Karriere plus Kinder plus Haushalt) in Kombination mit der Krise der Männer (können nicht weniger arbeiten, sollen mehr Familie und Haushalt machen) [kann] nicht funktionieren. Die Familien können diesen Anspruch nicht alleine umsetzen, Kitas und Schulen helfen nicht mit, sind unterfinanziert. Care-Arbeit wird nicht entlohnt und ohne die Großeltern geht sowieso nichts. Aber auch die schaffen es nicht, bzw. trifft es ja dann wieder zuvorderst die Omas.“
Was hat sich eigentlich in den letzten dreißig Jahren tatsächlich für Frauen und Familien verändert?
Junge Frauen fördern
In meinem Umfeld habe ich Studentinnen aus drei Ländern anlässlich des Internationalen Frauentags gefragt, ob sie Fortschritte sehen im Vergleich zu ihren Müttern und wie sie ihre Zukunft einschätzen. Zwei haben sich bewusst für eine Ausbildung in Deutschland entschieden, da sie die Situation der Frauen in ihren Heimatländern als stark eingrenzend empfinden.
Li* aus China fragte ihre Mutter, ob sie heute einen anderen Weg als den für sie vorgesehenen wählen würde:
„Sie antwortete ‚absolut‘ … Dann erzählte mir meine Mutter von ihrer Zeit. Sie ist das zweite Kind in ihrer Familie, zwischen zwei Schwestern und einem kleinen Bruder. Wie wir in China sagen, ist das zweite das sanfteste, genau wie meine Mutter. Glücklicherweise hat mein Großvater meinen Onkel nie seinen Schwestern vorgezogen, was in China weit verbreitet ist, aber das Schlimme ist, dass mein Großvater nie gleichermaßen an ihrer Entwicklung beteiligt war. Also ging meine Mutter auf eine Lehrerausbildungsschule, so etwas wie eine Fachhochschule, wie jeder erwartete. Damals war Lehrerin das ideale Ziel für Mädchen. Es bedeutete, dass sie dank der Sommer- und Winterferien mehr Zeit und Möglichkeiten hatten, sich um die Kinder zu kümmern. Ich kann mich nicht erinnern, wie oft sie sagte, wie klug sie in der High School war und wie sehr sie als junge Frau Anwältin werden wollte. Aber schließlich ergab sie sich dieser scheinbar vielversprechenden Zukunft.“
Li hat im Vergleich zu ihrer Mutter viel mehr Möglichkeiten, aber sie musste letztendlich den Mut aufbringen, ihre Eltern und ihr Land zu verlassen, um ihre Träume zu verfolgen: „Im Vergleich zu meiner Mutter bin ich privilegiert. Aufgrund der Ein-Kind-Politik bin ich die Einzige, die all die Hoffnung und Liebe meiner Eltern in sich trägt. Obwohl sie Angst um mich hatte, packte sie mir trotzdem meinen Rucksack voll und schickte mich allein über den Kontinent. ‚Sieh dir die Welt für mich an‘, sagte sie.“
Dina*, Anfang 20, hat klar für sich entschieden, dass sie nur durch eine fundierte Bildung ihren selbstbestimmten Weg gehen kann. Aber sie fragt sich, ob sie dieser Weg über ein Studium im Ausland wieder in ihr Heimatland Usbekistan führen wird:
„Ich sehe meine Zukunft als etwas Kompliziertes, aber nicht Unerreichbares. Vor allem die globale und lokale Politik lässt mich darüber nachdenken, ob ich eine Chance auf eine glänzende Zukunft in einem Land habe, das sich seine eigene nicht vorstellen kann. … Ich glaube, dass der Zugang zu einem besseren Bildungsstandard meine größte Chance war. Und damit geht die Chance einher, mir noch mehr Türen zu öffnen – politisch, sozial, kulturell und wirtschaftlich.“
Ihre Freundinnen zuhause sind, wie auch Li für China bestätigt, angehalten, früh zu heiraten und haben bereits Kinder. Beide jungen Frauen wissen, dass sie mit Mitte zwanzig in ihrem Heimatland schon kein “Heiratsmaterial” mehr sind. Beide setzen ihre Hoffnung in eine Ausbildung in Deutschland. Sie sind gut ausgebildet und ambitioniert. Wir sollten ihnen das Bleiben erleichtern, doch bei beiden wird das Studierendenvisum in einem Jahr ablaufen.
Alicia, 23, muss die Bürde des Exils und der ungewissen Zukunft, was ihr Zuhause betriff, nicht tragen. Sie ist in Deutschland geboren und studiert in Berlin. Aber wie viele junge Frauen kämpft sie mit den Erwartungen, die an sie gestellt werden oder die sie an sich selbst stellt. Sie hat den Zweifel verinnerlicht, dass man ihr als Frau weniger zutrauen, dass der Weg zu einem erfüllten Leben steinig sein könnte.
„Ich versuche, immer positiv zu bleiben, egal in welcher Situation. Das gelingt mir nicht immer, aber ich werde es immer versuchen. Deshalb sehe ich tatsächlich eine rosige Zukunft für mich. Das muss ich – so bin ich nun einmal. Aber ich weiß auch, dass ich, wenn die Realität zuschlägt, darauf vorbereitet sein muss, eine andere Zukunft zu sehen. Eine, in der ich am Arbeitsplatz benachteiligt bin, weil ich eine Frau bin. Eine, in der ich doppelt so hart arbeiten muss, um halb so viel zu bekommen. Eine, in der das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr so hell leuchtet.“
Glücklicherweise ist Alicia von Frauen umgeben, die ihr Mut machen und das große Potential der jungen Frau erkennen: „Vor ein paar Wochen habe ich meiner Oma erzählt, dass ich mich bei einem Museum beworben habe. Ich erzählte ihr von meinen Ängsten, nicht gut genug für die Stelle zu sein und dass sie mich wahrscheinlich nicht einmal in Betracht ziehen würden. Sie sah mir dann direkt in die Augen und sagte: ‚Du kannst alles machen. Du kannst alles lernen. Lass dir nie etwas anderes einreden!‘ …. Eine Woche vor meiner Bewerbung gab uns eine meiner Professorinnen einen Rat, den sie einmal bekommen hatte: „Sag niemals Nein zu dir selbst!“ Und als ich meine Bewerbung abschickte, sagte ich tatsächlich nicht Nein zu mir selbst und dachte, ich könnte alles machen. Sogar einen Job, für den ich nicht ganz qualifiziert war…“
Dina, die junge Usbekin, zieht Stärke aus Vorbildern und fasst es so zusammen:
„Meine größte Quelle der Hoffnung und Inspiration sind andere Frauen, Frauen, die ihr Leben selbstbewusst leben, selbst wenn dies bedeutet, gegen langjährige kulturelle und soziale Normen zu verstoßen. Die größte Veränderung, die ich für die Zukunft der Frauen sehe, ist unsere Weigerung, nachzugeben, und unsere Verpflichtung, uns selbst treu zu bleiben. Historisch gesehen wurde uns die Autonomie über unser Leben und unseren Körper verweigert. Diese Autonomie zurückzugewinnen und unsere eigenen Ziele zu verfolgen, anstatt die, die uns zugewiesen werden, ist der Schlüssel zum Aufbau einer besseren Zukunft.“
Wir können dies alles als “pep talk” abtun, aber Worte haben ihre Wirkung. Wir sollten damit nicht sparen. Sie ermutigen die Jungen zu träumen, die Älteren durchzuhalten oder neue Wege zu gehen. Teilen wir unsere Erfahrung, unser Wissen und unsere Netzwerke. Fragen wir uns also am Ende des Tages: “Heute schon einem Mädchen oder einer Frau Mut gemacht oder einfach zugehört? Ihr auf dem Weg ins selbstbestimmtes Leben oder auch mittendrin den Satz ‚Sag niemals Nein zu dir selbst!‘ mitgegeben?“
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* Dies ist ein Pseudonym. Der richtige Name ist der Verfasserin bekannt.
Quellen
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw09-wahlergebnis-statistik-1055550
https://www.bundestagswahl-bw.de/frauenwahlrecht
https://www.eaf-berlin.de/was-uns-bewegt/news/artikel/frauenanteil-im-bundestag-sinkt
https://data.ipu.org/women-ranking/?date_month=2&date_year=2025
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/ricarda-lang-gruene-rueckzug-100.html (bezogen auf ein Interview von Frau Lang für Die Zeit)
https://www.deutschlandfunk.de/abtreibung-schwangerschaftsabbruch-paragraph-218-100.html
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/04/PD24_N017_13.html (Arbeitsstatistiken)


