Kurz vor der Amtseinführung Donald Trumps am 20. Januar 2025 beklagte ich in meinem Blog “La La Land ist abgebrannt” den zu erwartenden Schaden, den die neue Administration im Namen der amerikanischen Wählerinnen und Wähler dem Ansehen der USA in der Welt und insbesondere in Europa zufügen würde. Seitdem sind knapp vier Wochen vergangen, und der Schaden ist noch viel größer als befürchtet. Ganze Allianzen scheinen sich zu verschieben und damit die Weltordnung, die unter amerikanischer Führung Europa nach dem zweiten Weltkrieg Frieden und Sicherheit beschert hat. Die sich überschlagenden breaking news belasten uns alle, aber gerade auch die Jüngeren in unserer Gesellschaft.
Vier Schülerinnen und Schüler eines Berliner Gymnasiums im Bezirk Marzahn-Hellersdorf haben, nachdem sie meinen Blog im Unterricht gelesen haben, ihre Gedanken mit mir geteilt. Ihnen will ich hier Raum und Stimme geben.
Gegen Hass und Hetze
Ilias ist schockiert von der Tatsache, dass ein Kandidat, der mexikanische Einwanderer ohne Ausnahme bereits im Wahlkampf 2015 als „rapists“ und „criminals“ bezeichnete, nach Wählervotum „das wohl verantwortungsvollste Amt der Welt“ gerade ein zweites Mal übernehmen konnte. Ilias befürchtet, dass deutsche Parteien sich die unmenschliche, rassistische Politik Trumps zum Vorbild nehmen und Rechtsstaatlichkeit aus den Angeln heben könnten:
„Diese Ereignisse machen mir, als deutschem Bürger, der selber Migrationshintergrund hat, gewaltige Sorgen. Meine griechischen Großeltern kamen nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland, um ihren Nachkommen, meinem Vater und seinem Bruder, ein besseres Leben zu ermöglichen. Ein Leben im Frieden. Ein Leben in Sicherheit. Über 70 Jahre später leben viele Menschen mit ähnlicher Geschichte jetzt in Angst vor dem, was passiert, wenn die AfD an die Macht kommen sollte. Was passiert mit den unzähligen Menschen, welche sich in die deutsche Gesellschaft integriert haben?“
Ilias Angst ist nicht unbegründet. Bereits im November 2023 veröffentlichte das gemeinnützige Medienhaus Correctiv Informationen zu einem Treffen von AFD Vertretern, Unterstützern und Geldgebern in Potsdam, wo deren perfider „Masterplan“ zur erzwungenen „Remigration“ diskutiert wurde. Diese solle nicht nur schutzsuchende und zugewanderte Menschen in Deutschland betreffen, sondern auch deutsche Staatsbürgerinnen und -bürger, die sich als nicht genügend „assimiliert“ erwiesen hätten. Die Reaktion erfolgte umgehend: Rund vier Millionen Menschen demonstrierten zwischen Januar und April 2024 gegen die rassistischen Pläne der AfD. Dennoch steht die Partei bei 20% in den Prognosen zur anstehenden Bundestagswahl.
Auch junge Menschen unterstützen die AfD, wie die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der U18-Wahl zeigen. Bundesweit beteiligten sich mehr als 160.000 der unter 18-Jährige an der Abstimmung, die eine der größten außerschulischen Bildungsinitiativen in Deutschland ist. Das Ziel von U18 ist es, möglichst viele Kinder und Jugendliche für die parlamentarische Demokratie zu begeistern. Zur Überraschung vieler lagen nicht die Grünen bei den Jugendlichen vorne, wie es vor vier Jahren der Fall war, sondern die Linke (20,8%), gefolgt von der SPD (17,9%), der Union (15,7%), der AfD (15,5%) und dann erst den Grünen (12,5%). In Sachsen (32%), Sachsen-Anhalt (30%) und Thüringen (35,2%) zeichnet sich jedoch bei den zukünftigen Jungwählerinnen und -wählern ein weit stärkerer Zuspruch für die AfD ab.
Sorge um unsere Demokratie
Diese Tendenzen zum Extremismus beobachtet auch Emma, die Deutschland „vor einer der wichtigsten Wahlen im Hinblick auf die politische Ausrichtung des Landes in den kommenden Jahren“ stehen sieht. Sie verzeichnet eine große Unzufriedenheit mit der Demokratie in der Bevölkerung (40%), gerade auch in den oben genannten östlichen Bundesländern (52%). Dennoch bleibt Emma optimistisch: „Ein Lichtblick ist jedoch, dass grundsätzlich 98 Prozent der Befragten die Idee der Demokratie befürworten.“ Man fragt sich nur, wie eine solche Demokratie aussehen würde mit einer Regierung, die in ihrem Menschenbild nicht von der Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger ausgeht.
Emma macht sich Sorgen über die internationale Vernetzung der rechten Parteien und zählt auch die neue Administration unter Trump dazu, unterstützen doch der Vizepräsident J.D. Vance und Trump Finanzier Elon Musk Alice Weidel im Wahlkampf. Sie beklagt: „Deutschland scheint aus der ersten Amtszeit Donald Trumps nicht gelernt zu haben, sodass nun auch Politiker, die rassistisches, sexistisches, homophobes und rechtspopulistisches Gedankengut verbreiten, zu den meistgewählten Parteien gehören.“
Eine spaltende Geschlechterpolitik
Vianne analysiert die Trumpsche zwei-Geschlechter-Politik als nicht nur diskriminierend gegenüber der LGBTQ+ Community. Sie befürchtet, dass der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen um Jahrzehnte zurückgeworfen wird und dies nicht nur zu Lasten der Amerikanerinnen geht. Viannes Sorgen sind ganz persönlich:
„Mit dem kommenden Schuljahr hat sich meine Schwester dazu entschieden, ein Auslandsjahr in den USA zu absolvieren. Wenn ich all die eben gelisteten Faktoren in Betracht ziehe, dann frage ich mich, ob es wirklich die beste Idee ist, eine 15 jährige in ein Land zu schicken, in dem ihre Zukunftschancen mit Absicht unterdrückt werden. Ein Land, in dem sie nur an zweiter Stelle steht. Ein Land das sich selbst als unbesiegbar ansieht, aber bei dem es daran scheitert, sich um seine verwundbarsten Mitglieder zu kümmern. Ich habe einfach nur Bedenken, dass sie in dem Jahr nicht die gleichen Chancen bekommt wie alle anderen in ihrem Alte . . . Vorurteile und Ungerechtigkeiten werden ihr im Weg stehen und für harte Tage sorgen. Der zwischenmenschliche Kampf um Geschlecht und Herkunft wird es nicht nur ihr, sondern Millionen anderen schwer machen, sich ein Leben in den USA aufzubauen. . . Daher ist es mir wichtig, dass meine Schwester mit den richtigen Werten aufwächst, damit sie später nicht an sich selbst zweifelt, und es ist schwer so etwas zu gewährleisten, wenn sie in so ein fremdenfeindliches und engstirniges Land zieht.“
Vianne selbst war Austauschschülerin in Kanada und weiß um die Bereicherung, die solche Programme mit sich bringen: „Ich habe 2022/23 selber ein Auslandsjahr in Kanada gemacht und hatte eine der besten Zeiten meines Lebens. Ich wurde mit Offenheit und Wärme empfangen und musste nur mit kleinen Alltagsproblemen kämpfen.“
Gerade amerikanische Schülerinnen und Schüler profitieren von solchen „study abroad“ Programmen, denn ein längerer Aufenthalt im Ausland ist für die meisten finanziell nicht möglich. Dennoch hat das U.S. State Department gerade ein 15-tägiges Einfrieren von Geldern für etablierte und hoch geschätzte Austauschprogramme wie Fulbright, IDEAS und Gilman verkündet. Dies verheißt nichts Gutes und schmälert zunächst einmal die Chancen amerikanischer Studierender, die Welt außerhalb amerikanischer Grenzen kennen zu lernen. Für ein Land, das Weltpolitik betreiben will, ist dies ein Armutszeugnis.
Die Zukunft der EU und NATO
Anton sorgt sich um die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und der EU, da die Trump Administration in der EU keinen gleichberechtigten Handelspartner mehr sieht. Er stellt die Frage, wie sich unsere demokratischen und humanitären Werte aufrecht erhalten lassen in diesem ungleichen Wettbewerb:
„Wir fallen insbesondere gegenüber China und Russland deutlich zurück, stehen aber auch im Wettbewerb mit anderen Regionen wie der Arabischen Halbinsel. Dies könnte sich negativ auf unsere Wirtschaft auswirken oder die Innovation in Europa beeinträchtigen. Dies bedeutet, dass Regionen, die Menschenrechte oder Grenzen ignorieren, wichtiger sein werden als Europa. Obwohl ich mir der Tatsache bewusst bin, dass wir keine Helden oder Weltpolizei sind, glaube ich dennoch an unsere Werte und Prinzipien einer friedlichen Gemeinschaft. Zu sehen, dass diese ineffektiv und nicht wettbewerbsfähig sind, macht mich ehrlich gesagt ziemlich traurig. Dies zeigt sich in dieser neuen Weltordnung, in der beispielsweise China für unsere gesamte Wirtschaft unvermeidlich wird. Darüber hinaus könnte dieser Mangel an Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu einem Mangel an Sicherheit führen.“
Anton glaubt nicht, dass Trumps Forderung nach einer 5-Prozent Beteiligung aller NATO Staaten am gemeinsamen Verteidigungsbündnis realistisch ist, sieht aber die Notwendigkeit, Militärausgaben zu erhöhen denn: „Ich kann mir keine Welt vorstellen, in der Berlin, Paris oder Brüssel aufgrund mangelnder militärischer und wirtschaftlicher Stärke an Russland gefallen wären.“
Zusammen die Zukunft gestalten
Anton, Emma, Ilias und Vianne machen sich große Sorgen. Sie erkennen die Abhängigkeit Europas von den U.S.A. und welche Folgen Trumps „America First“ Politik für uns haben kann. Darüber hinaus sorgen sie sich um unsere Umwelt, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und in welche Richtung unser Land, Deutschland, steuert. Sie stehen damit nicht alleine. Laut der Shell Studie 2024 haben mehr als 80 Prozent der Jugendlichen Angst vor einem Krieg in Europa.
Ich teile ihre Sorgen, sorge mich aber auch um sie, die jungen Menschen, die unsere Zukunft in wenigen Jahren steuern werden. Doch ihr Wissen und ihr innerer Kompass beeindrucken mich sehr. Und ich ziehe Kraft daraus,
- wenn Ilias sagt: „Europa muss handeln. Wir müssen handeln“;
- wenn Emma sagt: „Die Hoffnung und der Glaube an das Gute im Menschen bleiben jedoch bis zum Ende“;
- wenn Vianne sagt: „Gerechtigkeit und Gleichheit geht uns alle etwas an.“
Die Shell Studie 2024 bescheinigt der jungen Generation Pragmatismus und einen zukunftsgewandten Optimismus: „Etwa drei Viertel der Jugendlichen sind der Ansicht, dass Deutschland ihnen alle Möglichkeiten bietet, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Sie vertrauen darauf, dass alle gemeinsam als Gesellschaft eine lebenswerte Zukunft schaffen können.“
Viele von uns „Boomern“ sind hoch qualifizierte, gut vernetzte und engagierte Menschen, die Lehrerinnen und Lehrer dabei unterstützen könnten, z. Bsp. durch Mentoring oder gemeinsame Diskussionen ein Grundvertrauen in unsere freiheitlich-rechtliche Grundordnung aufzubauen. Der amerikanische Aktivist, Journalist, Professor und Träger des Alternativen Nobelpreises Bill McKibben macht uns vor, wie eine solche Unterstützung gelingen kann. Er hat in den USA die Organisation „Third Act“ gegründet:
„Wir hatten die physische Stabilität unseres Planeten als selbstverständlich hingenommen – und jetzt schmelzen seine Pole. Wir hatten die Stabilität unserer Demokratie als selbstverständlich hingenommen, und jetzt dringen Leute in den Kongress ein, um die Stimmenauszählung zu stoppen. Wir hatten den langsamen, aber sicheren wissenschaftlichen Fortschritt unserer Gesellschaft als selbstverständlich hingenommen, und jetzt will ein Drittel des Landes sich nicht impfen lassen. (Für diejenigen unter uns, die sich an ihre Polio-Impfungen erinnern können, ist das wirklich schockierend.)
Da wir an diesem Verfall mitschuldig sind (es gibt einen Grund, warum junge Leute anfingen, „OK Boomer“ zu sagen), müssen wir eine ernsthafte Rolle bei der Beseitigung des Problems spielen.“
Lassen wir die jungen Menschen nicht allein mit ihren Sorgen. Hören wir ihnen zu und geben wir ihnen eine Plattform, wie ich es mit diesem Blog versuche. Gemeinsam, generationenübergreifend, sollten wir an einem stärkeren Europa, einer gerechteren Welt arbeiten.
Wie Ilias sagt: “Make the World a better place again.”
Mein Dank geht an Anton, Emma, Ilias und Vianne für ihr Vertrauen. Und an ihren wunderbaren Lehrer Jens, der Lernen zum Erlebnis macht.
Quellen
https://www.deutschlandfunk.de/potsdamer-treffen-remigration-afd-100.html
https://www.dbjr.de/artikel/u18-bundestagswahl-2025-endgueltiges-wahlergebnis
https://deutschland-monitor.info/fileadmin/Reports/
DeutschlandMonitor_24_Endfassung.pdf (Quelle Zufriedenheit der Deutschen Bürger)


