Gedanken zur Erinnerungskultur

Letztes Wochenende habe ich After noch einmal gelesen, das Memoir der amerikanischen Künstlerin und Schriftstellerin Mindy Weisel, meiner engen Freundin. Mindy ist die Tochter von Holocaust-Überlebenden. Das Buch ist fast ein Sammelalbum mit Abbildungen handschriftlicher Notizen, Fotos und dem Meldeblatt ihres Vaters aus dem damaligen Vertriebenenlager Bergen-Belsen. Vor allem aber stellt das Buch Mindys künstlerische Arbeit vor, veranschaulicht ihren kreativen Prozess, den schmerzhaften Weg von der visuellen Trauer um die Vergangenheit ihrer Eltern hin zur Feier des Lebens. Mindys Berufung ist die Suche nach dem Schönen, in ihrer Kunst, ihrem Leben und der Welt um sie herum. Es ist die heilende Qualität des Schönen, die sie in ihrem Schreiben und ihrer Kunst erforscht und mit uns teilt.  Kinder tragen das Trauma ihrer Eltern. Mindy trägt es sogar mit sich in ihrem Reisepass. Ihr Geburtsort ist Bergen-Belsen, wo sie 1947 als Tochter zweier entfernter Cousins, die sich dort trafen, geboren wurde.

Meine Wochenendlektüre fällt mit dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zusammen. Die entsetzten Soldaten fanden etwa 8.000 ausgehungerte, kranke Gefangene vor, die ihre Folterer zurückgelassen hatten. Mindestens 1,1 Millionen Juden, Sinti, Roma und viele andere waren dort zuvor ermordet worden.

Nur wenige der Überlebenden nehmen noch an den jährlichen Gedenkveranstaltungen in Auschwitz teil. Jedes Jahr wird die Gruppe kleiner, weil wir sie verlieren, die Generation, die acht Jahrzehnte lang Zeugnis abgelegt hat. Das hat Konsequenzen.

Am 23. Januar veröffentlichte die Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference) den ersten acht Länder umfassenden Index zum Thema Holocaust-Wissen und -Bewusstsein. Die Umfrage basiert auf Interviews mit etwa 1.000 Erwachsenen (ab 18 Jahren) in den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Österreich, Deutschland, Polen, Ungarn und Rumänien. Die Ergebnisse sind besorgniserregend:

  • In den USA glauben mehr als zwei Drittel (76 %) aller befragten Erwachsenen, dass so etwas wie der Holocaust heute erneut passieren könnte. Diese Meinung wird in Großbritannien (69 %), Frankreich (63 %), Österreich (62 %), Deutschland (61 %), Polen (54 %), Ungarn (52 %) und Rumänien (44 %) geteilt.
  • 48 % der Amerikaner/Amerikanerinnen und ein Viertel der Erwachsenen im Vereinigten Königreich, in Frankreich und Rumänien können kein einziges Konzentrationslager oder Ghetto benennen.

Junge Erwachsene (Alter 18–29)

  • gaben an, dass sie nichts vom Holocaust (Shoah) gehört hatten oder sich nicht sicher waren, ob sie davon gehört hatten: Frankreich (46 %), Rumänien (15 %), Österreich (14 %) und Deutschland (12 %);
  • sind eher der Meinung, dass die Zahl der während des Holocaust getöteten Juden übertrieben wurde;
  • berichten, dass die Leugnung oder Verzerrung des Holocaust am häufigsten auf Facebook, X (Twitter), TikTok und Instagram zu sehen ist.

Obwohl diese Ergebnisse beunruhigend sind, gibt es einen Lichtblick. Das grundlegende Bewusstsein für den Holocaust ist in den meisten untersuchten Ländern im Allgemeinen hoch. 90 % der Erwachsenen in allen acht Ländern halten es für wichtig, weiterhin über den Holocaust aufzuklären, auch damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und doch zeichnen sich in all diesen demokratischen Ländern autoritäre Tendenzen gepaart mit Antisemitismus ab und rechte politische Bewegungen gewinnen an Zugkraft.

Drei Wochen vor der Bundestagswahl liegt die AfD in bundesweiten Umfragen bei 20 % und steht damit auf dem zweiten Platz hinter der CDU. Mehrere AfD-Landesverbände sind vom Verfassungsschutz als „erwiesenermaßen rechtsextremistisch“ und verfassungsfeindlich eingestuft. Co-Parteivorsitzende Alice Weidel lud den Milliardär Elon Musk kürzlich per Videoschalte zu einer Wahlkampfveranstaltung der Partei ein. Sie lobte die Republikaner in den USA dafür, dass sie Amerika wieder groß gemacht hätten, und versprach, auch Deutschland wieder groß zu machen. Musk, der erst kürzlich mit Weidel in einem Podcast zu hören war, fühlte sich genötigt, einen Kommentar zur deutschen Geschichte und Kultur abzugeben: “[C]hildren should not be guilty of the sins of their parents, let alone their great grandparents.” . . . . “There is too much focus on past guilt, and we need to move beyond that,” he said.

Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, würde dem sicherlich widersprechen. In seiner Videobotschaft zum Internationalen Holocaust-Gedenktag erklärte er: „Die größte Gefahr für uns alle geht vom Vergessen aus. Davon, dass wir uns nicht mehr daran erinnern, was wir einander antun, wenn wir Antisemitismus und Rassismus in unserer Mitte dulden.“

Was können wir also tun, jetzt, wo die letzten Zeugen der Gräueltaten des NS-Regimes sterben? Wie können wir die Erinnerung jenseits von Denkmälern, Stolpersteinen und Ausstellungen lebendig halten? Werden die Kinder und Enkel der Überlebenden die Last auf sich nehmen und die Arbeit ihrer Eltern, Onkel und Tanten fortsetzen, die Schulen besuchten und sich um die Jugend kümmerten? Können wir von ihnen erwarten, dass sie die Geschichte ihrer Verwandten erzählen? Oder sollten sie ihre eigene erzählen, weil sie untrennbar miteinander verbunden sind?

Wie Mindy Weisel in After schreibt:

„Es ist nicht an mir zu erzählen, wie unerträglich das Leben meiner Mutter in Auschwitz war. Ich wurde in ein ererbtes Trauma hineingeboren. Ich kann nur über meine Erfahrung, mein eigenes Trauma schreiben, wie es war, in einer Familie mit Holocaust-Überlebenden aufzuwachsen. Doch ich wurde nicht nur Zeugin des Kummers der Überlebenden, ich wurde auch Zeugin unermesslicher Stärke. Unbeschreiblichen Mutes. Ich habe etwas Schöpferisches erlebt: ein Leben wurde aus Scherben erschaffen, aus so wenigen Scherben, dass sie nicht einmal einen Fingerhut füllen könnten.“*

Eine Alternative zu den Zeitzeugen ist die Literatur, ist das Geschichtenerzählen. In Berlin wird das Fach Geschichte in den Klassen 6 bis 10 nur eine Stunde pro Woche unterrichtet, und es gibt so viel zu lehren. Viele Lehrerinnen und Lehrer integrieren Holocaust-Literatur in den Deutsch- oder Englischunterricht, aber die Stundenpläne sind eng. Längere Texte werden in der Regel im Unterricht nicht mehr gelesen, aber es gibt spannende Texte, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler identifizieren können. Ich denke an Amy Kurzweils „Flying Couch: A Graphic Memoir“, die Coming-of-Age-Geschichte einer jungen jüdischen Künstlerin. Die Autorin und Illustratorin, Enkelin einer Holocaust-Überlebenden, feiert das Leben ihrer Großmutter mit Humor und Mitgefühl und erinnert uns daran, dass alle Opfer ein Leben vor dem Holocaust hatten und einige sich danach ein neues Leben aufbauten.

Eines der bewegenden Programme, die ich mit meinen Kollegen am US-Generalkonsulat Leipzig organisiert habe, war es, eine Gruppe junger Menschen in Halle mit dem amerikanischen Schriftsteller und Dramatiker Peter Wortsman zusammen zu bringen. Im Rahmen ihres Projekts „Tagebuch der Gefühle“ unternimmt die bunt gemischte Gruppe gemeinsame Reisen, besucht Gedenkstätten, auch das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz, und hält ihre Eindrücke von der Begegnung mit der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands schriftlich fest. Die jungen Schriftsellerinnen und Schriftsteller bezeichnen sich selbst als die neuen Zeitzeugen. Peter, der Sohn jüdisch-österreichischer Eltern, die dem fast sicheren Tod entkommen waren, unterhielt sich stundenlang mit dieser Gruppe in seinem wienerischen Deutsch. Obwohl Peters Arbeit nicht leicht zugänglich ist, weil Traumata darin allgegenwärtig sind, sprachen die jungen Leute gerne über seine Schriften, seine Lebensgeschichte und ihre eigenen Projekte. An diesem Tag entstand eine tiefe Verbindung.

Wir alle können etwas tun, um den Antisemitismus zu bekämpfen, auch wenn der Beitrag noch so klein ist. Wir können ein Buch empfehlen, zum ersten Mal eine Synagoge besuchen, Freundschaften schließen und uns zu Wort melden, wenn wir Ungerechtigkeit sehen. Wir können die Schönheit des Menschseins feiern, wie Mindy Weisel es tut, in unserem Leben und unserer Arbeit und in einem demokratischen Deutschland oder Amerika, das nicht (wieder) groß gemacht werden muss ….

Nie wieder ist jetzt.

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*  Original Zitat – Mindy Weisel in After: “It’s not in me to tell the story of how unbearable my mother’s life in Auschwitz was.  I was born into inherited trauma.  I can only write of my experience, my own first-hand trauma, being raised in a survivor’s family.  Yet, I not only witnessed the heartache of survivors, I witnessed untold strength.  Indescribable courage.  I witnessed creation: creating a life out of shards, so few, they could not fill a thimble.”

Quellen

After. The Obligation of Beauty. A Memoir by Mindy Weisel. With an Afterward by Ambassador Stuart Eizenstat (London 2021)

mindyweisel.com

Joachim Käppner, “Erinnern, immer,” Süddeutsche Zeitung (Jan. 27, 2025)

Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference) first-ever, eight-country Index on Holocaust Knowledge and Awareness

Conference on Jewish Material Claims Against Germany (Claims Conference) first-ever, eight-country Index on Holocaust Knowledge and Awareness

https://www.dw.com/en/germanys-afd-to-be-classified-a-right-wing-extremist-group/a-68495809 (March 11, 2023)

https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2021/01/210127-WJC-Holocaustgedenken.html

amykurzweil.com

https://stadtmuseumhalle.de/tagebuch-der-gefuehle

https://www.peterwortsman.com  

Also, see Weisel, Mindy. “Memorial Candles: Beauty as Consolation.” American Studies Journal 55 (2011). Web. 29 Jan. 2025. DOI 10.18422/55-08.